Khalid Sheikh Mohammed, Planer des Angriffs auf das World Trade Center; Ayman al-Zawahiri, das al-Qaida-Mastermind; Seifeddine Rezgui, der Amok-Schütze von Sousse; Kafeel Ahmed, der Glasgow-Airport-Bomber; Dschochar Zarnajew, der Bostoner Bombenleger, Najim Laachraoui, der Sprengstoffspezialist hinter den Brüsseler Anschlägen – diese Islamisten haben eines gemeinsam, sie sind Akademiker. Trotz eines leichten Proletarisierungstrends der Täterschaft, Top-Terroristen sind im Schnitt gebildeter als der Durchschnittsdeutsche, wie eine beeindruckende Studie nachweist.

Dschihadisten sind also regelmäßig keine typischen Verlierer, schon gar nicht fehlt ihnen eine anerkannte Ausbildung. Warum aber sind so hoch Gebildete gleichzeitig die ideologisch Getriebensten? Was sind die Determinanten hinter diesem “islamistischen Akademiker-Terrorismus”? Die Universität eine Brutstätte des Terrors?

Ein Erklärungsversuch:

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Es wäre ein dunkler Tag für das Hochschulwesen, wenn sich herausstellen würde, dass Hochschulbildung im Allgemeinen schädlich wäre, wenn das Studium und die Lehre der Wissenschaft nicht per se das Wohl der Gesellschaft mehre. Dennoch, Bildung verhält sich prinzipiell ethisch-moralisch bivalent. Zwar fördert Bildung a priori ethisches Verhalten, aber gleichzeitig kann sie Ethik auf eigentümliche Weise auch untergraben. Sie hilft dabei, der Planung und Durchführung von bestialischen Anschlägen ex post einen rationalen, und vor allem selbstbestätigenden Sinn zu verleihen – Argumentationsfähigkeit im Amok-Modus sozusagen. Akademischen Dschihadisten fällt es demnach besonders leicht, Gewalt zu legitimieren.

Es ist außerdem eine Illusion, zu meinen, Gott habe in der Naturwissenschaft keinen Platz. Viele Forscher sind selbstverständlich streng religiös, einige leider eben auch muslimisch-wahabitisch inspirierte Massenmörder. Viele Glaubenssachen sind wissenschaftlich weder zu beweisen noch zu widerlegen. Vor allem in den angewandten Wissenschaften hat der Glaube zudem meist keinen Einfluss auf die Methodik und die Ergebnisse der Forschung. Alles andere würde einen prompten Reputationsverlust nach sich ziehen. Neurologische Studien zeigen zudem, dass analytisches Denken religiöse Gefühle unterdrückt – der Umkehrschluss ist ebenfalls zutreffend. Glaube und Geist kommen sich also auch prinzipiell nicht in die Quere.

Den Talar tauschen einige gegen Djellabas, den Doktorhut mit Schleier, Forschung mit Fatwas, sobald theologische Lehrsätze im Sinne einer zutreffenden Prognose akzeptiert werden. Dies mentale Abweichung kann Wissenschaft nicht verhindern, weil sie daran nicht beteiligt ist. So hatten auch die marxistisch-leninistische Ideologie und die Nazi-Ideologie ihre eigenen Wissenschaftler.

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Gleichwohl die meisten der bei Terroranschlägen angewandten Methoden rudimentär sind, können das technische Know-how und die intellektuellen Reserven eines Akademikers nützlich sein. Ein hoher Bildungsstand und die damit verbundene Problemlösungskompetenz nützen nicht nur in Führungspositionen, sondern auch direkt beim Bombenbau. In ihnen paart sich die unglaubliche Brutalität der Gotteswütigen mit der unglaublichen Machbarkeitsgewalt der Nerds; sie heben den lebensfernen Wahabismus aus dem Bereich ideologisch-spritueller Absurdität in denjenigen der instrumentellen Vernunft. Diese Kompetenzen machen Akademiker somit zu begehrten Rekruten, Universitäten zum Rekrutierungspool.

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Ergebnisse aus der Umfrageforschung zeigen, dass sich Ingenieure selbst als besonders stark konservativ und tief religiös begreifen. Ingenieure bilden die Mehrheit unter den akademischen Zauselbärten. Ironischerweise bewegen sich angewandte Wissenschaftler auch regelmäßig auf Campus, in denen Sozialwissenschaftler, Geisteswissenschaftler und vor allem Frauen (über die “Geschlechterapartheid” an Universitäten hatten wir ja bereits hier geschrieben) eine Anomalität darstellen – soziale Voraussetzungen, die so auch in militanten Gruppen existieren. Diese Kongruenz des Umfeldes begünstigt engstirnigen Extremismus.

Hinzu kommt, dass in vielen naturwissenschaftlichen Disziplinen eine fatale Tendenz der Entpolitisierung grassiert. Die Welt wird durch die Brille der Technologie gesehen, man erklärt nicht-technische Lösungen als irrelevant für die Arbeit von “echten” Ingenieuren. Kein Wunder, dass dort hohes naturwissenschaftliches Niveau bei der Erklärung von Naturphänomenen häufig auf ein nur protowissenschaftliches Verständnislevel für gesellschaftlich Zusammenhänge zusammengeht – fast jeder weiß, dass wer in diesen Milieus sozial- und geisteswissenschaftliche Literatur empfiehlt, schnell riskiert, wenig zu erreichen oder gar belächelt zu werden. Außerhalb des Elfenbeinturms wird Gott so schnell zum epistemologischen Lückenfüller.

Wer alltäglich mit allgemeingültig angenommen Begriffen und extremen Verhaltensregularitäten von Beobachtungsobjekten bzw. Naturgesetzen und Axiomen arbeitet, der neigt vielleicht auch dazu, Absolutheitsanspruch sogar für nur eigene Vorstellungen gegenüber der Allgemeinheit zu beanspruchen.

Teilweise herrscht auch eine regelrechte Verwechslung von Problem und Lösung. Man löst Probleme nicht mit einer technischen Erfindung, man preist technische Erfindungen als Lösung für Probleme, die man noch nicht verstanden hat: Ein Prinzip, dem auch die Liquidierungslogik und Heilsvollstreckung des Kalifats folgt.

Zwischen Verwirklichung eines naturwissenschaftlich-technischen Projekts und der Erreichung politischer und sozialer Ziele existiert ein nicht aufzuhebender Unterschied. Ein daraus resultierendes Erfolgsgefälle wird aber gerade von den angewandten Wissenschaften übersehen. Der Glaube an die optimale “Herstellbarkeit” gesellschaftlicher Zustände ist deshalb groß. Radikale verschmähen das, was “handelnd” erreichbar ist, ein kompromissbereites Miteinander. Auf Kosten der Freiheit greifen sie zur Gewalt.

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Auch die Denkweise der angewandten Wissenschaften könnte Akademiker empfänglich für das mechanische Weltbild der Dschihadisten machen. Speziell in naturwissenschaftlichen Einrichtungen herrscht eine einseitige Bevorzugung bzw. Verabsolutierung der physikalischen Beschreibung der Welt. Doch eine Nomologie der Gesellschaft gibt es nicht, die Kontingenz, Ambivalenz und Ambiguität der Moderne sträubt sich gegen kausale Erklärungen. Wie Ingenieure suchen auch Gläubige Erklärungen vorrangig in zuvor erkannten Gesetzmäßigkeiten – wenngleich diese nicht auf wissenschaftlicher Logik, sondern auf rein theokratischem Wunsch fußen. Was bei der Beschreibung der Natur noch funktioniert, nämlich der Glaube daran, die Wirklichkeit sei durch allgemeine Gesetze besser erklärt und folglich auch kontrolliert, scheitert am Zusammenleben der Menschen.

So schmähen insbesondere Ingenieure Mehrdeutigkeit und Kompromisse. Es gibt Evidenz dafür, dass technische Studienfächer ausgerechnet auf Menschen anzuziehend wirken, die eine irgendwie geartete Sicherheit suchen, und deren Annäherung an die Welt (sic!) weitgehend mechanistisch ist. So sind sie durch eine größere Intoleranz von Unsicherheit geprägt, neigen zur reduktionistischen Eliminierung des Werterelativismus – was sich in einer Vorliebe für streng religiöse Ordnungskonzepte spiegelt. Die Welt, die die Islamisten präferieren, ist genau das, eine totalitärer Friedhofsruhe.

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Junge Muslime begegnen an Universitäten zudem neoradikalen Theoriezirkeln, die in populistischer Wut und tiefer Sehnsucht nach dem vermeintlich “ganz Anderen” die westliche Kultur aus ihrer Mitte heraus kritisieren. Zur Verachtung des zunehmend unmoderierten Status quo kommen eine beinahe kindliche Freude am Aufruhr und das Herbeisehnen eines kommenden Aufstandes. Ohne wirkliche Beziehung zueinander deutet man sich gegenseitig als Hinweis auf einen historischen Trend. Gemeinsam haben sie alle ein tiefes Ressentiment gegen Aufklärung und Kultur.

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Es ist davon auszugehen, dass es insbesondere junge, gut ausgebildete Muslime frustriert, besonders in den technologischen Bereichen gegenüber anderen Ethnien nachrangiger behandelt zu werden. Theoretisch steht ihnen jede Option offen, jedoch verengt sich der Zugang je näher sie dem Abschluss kommen – männliche arabische Bewerber werden von Arbeitgebern häufig direkt aussortiert. Diese Zurückweisung wird zunächst erlitten, dann aber aggressiv und folgenschwer ausagiert. Attentate sind immer auch eine Art Gegenrassismus. In den Heimatländern ist die Hölle despotischer Militärregierungen keinesfalls erträglicher als der Himmel islamischer Prediger. Folge ist auch dort ein fataler Terror-Brain-Train; frustrierte Eliten sind gefährlich.

Als Teil einer global-mobilen Elite werden Akademiker oft mit fremden Kulturen konfrontiert, was nach anfänglicher Euphorie zu Verwirrungen über Rollenerwartungen, Erschöpfung durch Anpassungsleistung und schließlich zur Ablehnung der als ungewohnt empfundenen Offenheit der westlichen Kultur führen kann. Um diesen identitären Stress abzubauen, lassen sie sich indoktrinieren und sogar zum Terror verleiten. Wird Kulturschock zur Identitätskrise, dann wandelt sich mancher Wissenschaftler zum Wahhabit, tauscht Studium gegen Sharia, Empirie gegen Emir, nennt seine Kommilitonen fortan Kuffar, sucht Halt in der Glorifizierung der Muslim-Militanz, Leitkultur in der Pathologie einer Religion, Heimat in der flutartig sich ausbreitenden Sonderkultur der Salafisten.

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Attentate sind beides, mörderisch und selbstmörderisch; damit wie jeder andere Selbstmord(-attentat) auch, zwar keine übertragbare Krankheit, wohl aber ein “sozial ansteckendes” Phänomen, das mit jeder neuen Berichterstattung Menschen infiziert, die depressiv-suizidale Tendenzen aufweisen. Psychische Defekt ist eine Produktivkraft des Dschihad, er bietet an, private Pathologien in sein System einzuordnen. Studierende weisen tragisch-oft eine Persönlichkeitsstruktur auf, die zum Verzicht auf das eigene Leben befähigt. Der Akademiker-Dschihad ist so gesehen nur ein weiteres trauriges Selbstmord-Cluster.

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Da terroristische Anschläge fast nie politisch Bedeutsames erreichen, wie Studien zeigen, ist die Explosion einer Bombe stets heller als der dahinter stehende Geistesblitz. Terroristen sind ungeachtet ihres IQs immer dumm…