Immer mehr Studierende glauben, es gebe im Grunde keine Gleichstellungsprobleme mehr an Universitäten. Doch zu oft noch sorgt Weiblichkeit für Studienfrust. Unverblümte Diskriminierung ist real: Seit 1945 haben nur zwei Frauen eine wissenschaftspolitische Organisation geleitet und der Anteil von Frauen an der Wissenschaftsspitze hat sich in derselben Periode nur von acht auf zehn Prozent erhöht. Wie funktionieren die dahinter liegenden Mechanismen?

Die subtile Schlechterstellung von Frauen lässt sich an folgenden Phänomenen festmachen:

Vorurteile
Unabhängig von der tatsächlichen wissenschaftlichen Qualität, Studien- und Forschungsarbeiten von Frauen werden schlechter bewertet als die von Männern (hier). Mit fatalen Folgen, denn nicht alle Wissenschaftszeitschriften führen einen doppelblinden Review-Prozess durch (hier).

No Connection
Für Frauen ist es immer noch besonders schwer, akademische Mentoren des gleichen Geschlechts zu finden (hier). Professoren antworten nur selten auf die E-Mails von Frauen, insbesondere in besser bezahlten Disziplinen und privaten Institutionen (hier).

Männliche Domäne
Zu viele Konferenzen, Summer Schools etc. gleichen Altherrenclubs (hier). In derlei Settings tragen Frauen signifikant weniger zur Diskussion bei als die proportionale Verteilung zuließe (hier). Und das wird dann noch positiv ausgelegt, weil schweigende Frauen als kompetenter wahrgenommen werden (hier).

Isolation
Unglaublich, aber wahr: Sowohl männliche als auch weibliche Wissenschaftler diskutieren ungern mit weiblichen Kollegen über Forschung (hier)! Forcieren Frauen fachliche Gespräche, werden sie außerdem als weniger kompetent wahrgenommen.

Leere Lehre
Studierende evaluieren – qualitätsunabhängig (!) – männliche Lehrkräfte besser als weibliche (hier und hier). Fatal, weil Hochschulen diese Bewertungen regelmäßig dazu nutzen, herauszufinden, welche Lehrkraft evtl. eine Höherversetzung verdient.

Ignoranz
Frauen werden unverhältnismäßig wenig für ihre wissenschaftliche Arbeit gelobt – wenn männlichen Kollegen das Preiskomitee leiten: Die Häufigkeit, mit der Frauen nominiert werden, steht in keinem Verhältnis zu den tatsächlich gewonnen Preisen. 95 Prozent aller Auszeichnungen landen bei Männern, obwohl 21 Prozent der Nominierungen auf Frauen entfallen (hier und hier).

Trockenlegung
Junge Wissenschaftlerinnen erhalten im Schnitt weniger als die Hälfte dessen, was deren männliche Kollegen an Forschungsgeldern für ihr erstes Forschungsprojekt bekommen. In der Regel sind das USD 889.000 für männliche, USD 350.000 für weibliche Forscher. Da dieses Geld die Ausstattung und die Qualität des ersten eigenen Labors bestimmt, resultieren aus diesem initialen Finanzierungsnachteil folglich auch Probleme beim späteren Einwerben von staatlichen und/oder privaten Forschungsmitteln (hier)

Ausgeladen
Einladungen zu wichtigen Forschungskonferenzen gehen unverhältnismäßig selten an Forscherinnen. Zudem neigen Forscherinnen häufiger dazu, derlei Einladungen auch noch eher abzulehnen (hier).

Benevolenter Sexismus
Frustrierend wirken auch die vielen wohlwollenden Sexisten, die Frauen für fragile Wesen halten und vor Herausforderungen geradezu abschirmen. Ausgerechnet diejenigen, die Frauen in einem sehr positiven Licht sehen, nehmen ihnen Wahlmöglichkeiten (hier).

Finkbeiner-Effekt
Wissenskommunikation tendiert dazu, eher das “Frausein” als die Forschung zu thematisieren, wie der Finkbeiner-Test leicht zeigt (hier).

Zu viel Bla-bla
Es wird zu wenig getan, aber zu viel darüber geredet! Das ist gefährlich, denn jedes mal, wenn Frauen auch nur an das Klischee weiblicher Unterlegenheit erinnert werden, gehen deren Test-Leistung messbar zurück (hier und hier). Allein die Atmosphäre eines männlich dominierten Instituts aktiviert diese Klischees. Das trifft Frauen mit Migrationshintergrund meist doppelt hart (hier).

Selbstunsicherheit
Frauen tendieren dazu, ihren eigenen Beitrag in kooperativen Leistungen massiv zu unterschätzen, abzuwerten und das Verdienst ihren männlichen Kollegen zuzuschreiben (hier).

Vertrauensdisparität
Zum Erfolg trägt Selbstvertrauen meist genauso viel bei wie Kompetenz. Studien zeigen, dass ausgerechnet Frauen regelmäßig weniger selbstbewusst sind als Männer, was sie eher zögern lässt. Was Frauen oft zurückhält, ist die Entscheidung, etwas gar nicht erst zu versuchen.

Sexuelle Ausbeutung
Und ja, auch im Labor wird ohne beidseitiges Einvernehmen gegrapscht und gefummelt (hier). Angst und Forschung sind kaum kompatibel.

Heimatfront
Weibliche Wissenschaftler leisten privat fast doppelt so viel Hausarbeit wie ihre männlichen Kollegen (hier und hier). Diese Doppelbelastung erleichtert Forschung nicht unbedingt. Zudem geht die Kindererziehung immer noch (!) zu Kosten der Karriere, weshalb Frauen vor allen in wissenschaftlichen Führungspositionen unterrepräsentiert sind (hier).

Glass Cliff
Frauen erhalten leitende Stellen meist in schwierigen Krisenzeiten. In derlei prekären Positionen bleiben sie logischerweise meist erfolglos, was dann oft auch den Rest ihrer Karriere torpediert (hier und hier).

Sexistische Studien
Selbst in den wiss. Studien lässt sich ein Geschlechtsbias nachweisen. So verwenden Wissenschaftler bei Medikamententests meist nur männliches Gewebe und Zellen, angeblich, weil weibliche Hormonzyklen das Ergebnis verfälschen – was natürlich völliger Humbug ist (hier).

Ökonomie
Frauen stellen fast die Hälfte aller MINT-Absolventen, aber weniger als ein Viertel von ihnen macht einen Abschluss in einem der 20 am höchsten vergüteten MINT-Feldern (z.B. Mathematik) – unerklärlicherweise entscheiden sich Frauen eher für unlukrative Studienfächer (z.B. Biologie) (hier). Außerdem arbeiten Frauen vorwiegend in ressourcenschwachen wissenschaftlichen Institutionen (hier).

Targeting
Die Algorithmen onlinebasierter Werbedienste blenden wissenschaftsbezogene Anzeigen bei weiblichen seltener ein als bei männlichen Nutzern (hier).

Stereotype Threat
Die aktuell wenigen Frauen in wissenschaftlichen Einrichtungen reaktivieren stets den Stereotyp, Frauen seien dafür ungeeignet. Das dadurch getriggerte Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein, erschwert den Karriereweg vieler Nachwuchswissenschaftlerinnen (hier).

Löwenanteile
Es ist riskant für Frauen, mit männlichen Co-Autoren zu publizieren, weil Rezipienten quasi automatisch davon ausgehen, die männlichen Autoren hätten am meisten dazu beigetragen (hier).

Graswurzelsexismus
Studenten halten Studentinnen konsequent für weniger kompetent (hier) – unabhängig von der tatsächlichen Leistungsverteilung.

Männlichkeitsideal
Je femininer der Look einer Frau, desto eher widerspricht sie dem allgeimeinen Bild eines Wissenschaftlers. Jedes weitere “weibliche” Attribut vergrößert die wahrgenommene Rolleninkongruenz…