Die Türkei hat sich zuletzt stark verändert. Demokratie-Kachexie? Demokratur im Endstadium? Türkischer Winter? Beobachtern fehlen die Worte.

Es mehren sich die Anzeichen, dass der einstige Star des Westens in der islamischen Welt in eine Schattenwelt von Gewalt und Unfreiheit zurückfällt, zunehmend zum Gegenstand des Skandals und der Abscheu wird. Die Utopie einer muslimischen Demohratie droht, vor unser aller Augen zu sterben.

Vorbild dieser Transformation scheint ein moderner Autoritarismus zu sein, der seine Macht aus den gleichen rechtlichen Mechanismen schöpft, wie sie auch in wirklich demokratischen Regierungsformen existieren. Diese “Tarnkappen-Autokratie” versteckt ihre antidemokratischen Praktiken unter der Maske des Rechts, verleiht ihnen auf diese Weise den Schein der Legitimität und macht es damit schwierig, all dies überhaupt wahrzunehmen.

Politische Gegner werden nicht einfach eingesperrt, sondern wegen Bagatelldelikten in teure, langwierige, ziemlich kafkaeske Gerichtsverfahren verwickelt. Manchmal stehen Steuerbeamte vor der Tür, behaupten sie hätten Unregelmäßigkeiten entdeckt – niemand gibt zu, dass das wegen publizierten Beiträgen passiert, aber es handelt sich um Sanktionen. Die anschließende Suche nach Rechtsbeistand gestaltet sich in solchen Fällen schwierig, weil AKP-kritische Juristen, wenn ihnen nicht schon sowieso ihrer Zulassung entzogen wurde, hoffnungslos überlastet sind; AKP-nahe Anwälte lehnen eine Verteidigung schlichtweg ab. Der protototalitäre “Erdoganismus” scheint seine Lektion von Óscar Benavides, einem ehemaligen peruanischen Präsidenten, gelernt zu haben. “Für meine Freunde, alles”, sagte der einmal. “Für meine Feinde, das Gesetz.”

Die aktuellen Geschehnisse entblößen das Ur-Paradoxon der Demokratie: Die Geburt der Diktatur aus dem Geiste der Demokratie. Wieder einmal droht die Umwandlung eines demokratischen Rechtsstaats in einen totalitären Staat mit rechtlich legalen Mitteln. Die AKP-Türkei ist so über Nacht zum poster child eines inzwischen weltweit sich vollziehenden autoritären Drifts avanciert.

Eines der ersten Opfer dieses Turk-Stealth-Authoritarianism ist die Wissenschaft, ihr droht inzwischen nicht weniger als die schrittweise Abschaffung: So findet die AKP keine 24h nach einem vereitelten Putschversuch zufällig 20.000 zu suspendierende Mitarbeiter des Bildungsministeriums in der Schublade. Ein Ausreiseverbot für Professoren und andere Wissenschaftler wurde ebenfalls verhängt. Alles Gülenisten? Wohl kaum. Zur gleichen Zeit feiern AKP-Anhänger sogenannte “Demokratiepartys” von sur­realen Kreativität auf den Straßen.

Erdogans Vorgehen gegen die Fethullah Gülensche Hizmet-Bewegung, eine Bewegung, keine Frage, so konspirativ wie ein islamischer Opus Dei, droht die türkische Universitätslandschaft zumindest in Teilen lahmzulegen, viele Studenten bangen inzwischen um ihren Abschluss – entweder weil gleich ganze Bildungseinrichtungen schließen mussten oder Doktorväter suspendiert wurden.

Diese offensichtlich systematische Kampagne gegen die Wissenschaft wird Folgen haben:

Der Wert eines gebildeten Menschen wird in der Türkei zukünftig weniger durch ihre inhärenten intellektuellen Qualitäten bestimmt, sondern anhand der ideologischen Unterstützung, die sie für die politische Sache der AKP bietet. Universitäre Einstellungsverfahren, Zuschussentscheidungen etc. werden zunehmend von nicht-akademischen Faktoren bestimmt sein. Als Folge sinkt die Qualität der wissenschaftlichen Produktion.

Wissenschaftler, die mit einer immer rascheren Strafverfolgung eines sonst eher trägen Justizsystems konfrontiert sind, werden sich aus Existenzängsten heraus einer Selbstbeschränkung oder sogar Selbstzensur unterziehen. Ansonsten würden neue, aber regimetreue Akademiker für ihre Positionen eingestellt. Eine Kultur des offenen akademischen Austausches, evidenzbasierter Dissens wird weitgehend verschwinden.

Auch droht eine “Abkühlung” von Wissenschaft, ein sogenannter akademischer chilling effect. Die bloße Aussicht auf einen Konflikt mit der herrschenden Ideologie wird Wissenschaftler davon abhalten, politisch sensible, aber lebenswichtige Themen überhaupt erst zu erforschen. Wissenschaft befördert ein wahreres, ein wahrhaftigeres Leben – all das wird zukünftig ausbleiben.

Wenn Wissenschaft zum Günstling der Politik verkommt, dann droht eine Art Lyssenkoismus. Und derart unfreie Wissenschaftsentfaltung ist immer auch der Siegeszug der Pseudowissenschaft.

Die Wissenschaft per se wird Schaden nehmen. Die Umwandlung freier Forschung in bloße Apologetik lösen inzwischen kaum öffentliche Empörung aus. Diese an Gleichgültigkeit grenzende Passivität der Bevölkerung wird eine Diffamierung der Forschung insgesamt als “Lügenwissenschaft” folgen.

Darüber hinaus fördert ein derartig anti-akademischer Diskurs direkte, gewaltsame Ausschreitungen gegen Akademiker. Insbesondere das neu erstarkte türkisch-nationalistische Milieu wird, wie bereits schon vorgefallen, Bürotüren von unliebsamen Akademikern rot markieren – ein sicheres Zeichen, das für die Freiheit der Forschung in der Türkei den Tod verkündet.