Wir erleben eine Art Epochensprung in eine nachaufklärerische Ära. Hooribile doctu, der Wahrheitsbegriff befindet sich regelrecht in der Auflösung. Der Trend zur Defaktualisierung von Wahrheit führt dazu, dass sie postfaktisch ganz nach eigenem Gusto definiert wird. Nicht den Fakten folgen wir, sondern der eigenen Façon. Jeder macht sich seinen eigenen faktizitätsfreien Reim darauf, was wahr ist, jenseits objektiver Standards oder sachlicher Genauigkeit oder minimalen Anknüpfungspunkten in der Realität. Wissenschaftliche Fakten und bloße Überzeugungen bilden keine distinkt und qualitativ unterschiedenen Gegenstandsklassen mehr.

Diese antiobjektivistische Auffassung führt in dem Maß zu einem zivilisatorischen Totalschaden, wie sie eine ideelle Umgebung für den Aufstieg eines Politikstils schafft, dessen Macht sich auf die Erschaffung eigener Wahrheiten, auf hausgemachte Realitäten und auf kalkulierte Desinformationen stützt. Denn so lässt sich Kritik leicht diskreditieren, weil die Frage nach Belegen oder Gegenbeweisen allein schon den Eindruck erweckt, sie sei bloß Meinung unter vielen. Wahrheit nur als relative Setzung zu verstehen, führt zu einer Beliebigkeit, die sich machtpolitisch ausnutzen lässt.

Diesen “Pluralismus der Fakten” postulieren Autokraten allerdings nur so lange, bis wir alle existentiellen Grund haben, an ihre Legitimität zu glauben. Nämlich dann, wenn die Folgen, ihnen nicht zu gehorchen, weil sie illegitim sind (Verfolgung, Verhaftung, Todesstrafe), weitaus schlimmer sind, als ihr zu gehorchen, obwohl sie illegitim ist (Innere Emigration). An diesem Punkt ist es insgesamt besser an ihre Legitimität zu glauben bzw. ihr zu folgen, als nicht daran zu glauben; an diesem Punkt hört die überdrehte, übersteigerte wahrheitsunabhängige Anything-Goes-Kasperei auf.

Wie aber wehrt man sich gegen den epistemischen Höllensturz? Vor der Machtlosigkeit von Wahrheit schützt nur eine spezifisch wissenschaftliche Positur, eine aufklärerische Haltung:

Die Bereitschaft, sich des Urteils über eine noch unzureichend geklärte Frage zu enthalten.

Die Fähigkeit, Bedenken solange aufrecht zu erhalten, wie noch nicht genügend empirische Belege offenliegen.

Die Artigkeit, der von validierbare Belegen bzw. Fakten vorgegebenen Richtung zu folgen statt nichtepistemischen Motiven.

Die Beflissenheit, Ideen als erkenntnisleitende Hypothesen und nicht als Dogmen zu behandeln.

Das Glück, statt Tatsachenflucht Freude an neuen Untersuchungsfeldern und neuen epistemischen Herausforderungen zu empfinden.

Es sind diese Prinzipien, die normalerweise ein erfolgreiches Studium ermöglichen; aber eben auch vor der Relativierung der Wahrheit und der Faktizität, dem postfaktischen Doppeldenk schützt. Anti-Antiaufklärung!