Es liegt im Trend, Wahrheit durch „gefühlte Tatsachen“ zu ersetzen; sowas wie „gefühlte Temperaturen“, nur viel ernster. Gegenüber Fakten sind die Leute misstrauisch geworden, auch gegenüber der Wissenschaft. Tatsachenbasierte Forschung scheint keinen Platz mehr in etwas zu haben, das man die Nach-Wahrheit-Ära nennt.

Nach-Wahrheit? Immer größere Bevölkerungsschichten interessiert die Wahrheit nicht mehr wie früher. So genau nimmt man es nicht mehr, die “Wahrheit” darf nicht zu komplex werden. Die dahinter stehende Haltung nennt man „postfaktisch“. Das englische post-truth hat darin sein deutschsprachiges Pendant gefunden. Es beschreibt einen Zustand, in dem objektive Tatsachen weniger Einfluss auf die öffentliche Meinung haben als Appelle an persönliche Überzeugungen. Die Karriere des Begriffs ging einher mit dem Aufstieg jener Bewegung des Ressentiments, der Fakten scheinbar niemals etwas anhaben konnten – den Brexiteer. Diese Schwächung der Wahrheit als Standard findet sich sogar in der Mode.

Inzwischen scheint er zum Fokus unseres Selbstverständnisses geworden, zur Grundvokabel aufgerückt zu sein. Die Leute haben genug von Experten, Studien, Daten und Wissenschaft. Sie misstrauen ihnen alle – auf ihre eigenen Meinungen trifft das leider nicht zu. Und wenn die Meinung zwar ganz schön und bequem ist, aber nicht mit den Tatsachen übereinstimmt? Dann umso schlimmer für die Tatsachen! Sie scheinen an nichts mehr zu glauben, außer an eine irgendwie geartete, quasi-solipsistische wenn-es-sich-für-mich-wahr-anfühlt-dann-ist-es-wahr-Wahrheit – oft schlicht, immer monokausal.

Dass Menschen Entscheidungen nicht unbedingt auf der Grundlage von Tatsachen treffen, ist bekannt. Den Epochenwandel macht aus, dass es den Menschen nicht, wie in früheren Zeiten, an Bildungsniveau oder validen Informationsquellen fehlt, um zwischen wahr und falsch zu unterscheiden; sondern dass ihnen die Wahrheit schlicht weniger wichtig ist als ihre aktuelle Stimmung, subjektive Sichtweise und private Glaubenshaltung. Informationskampagnen laufen inzwischen fast zwangsläufig ins Leere. Wissenschaftliche Argumente führen in Diskussionen inzwischen sogar zu noch verhärteteren Fronten – biased assimilation nennt man das. Folglich gerät jeder Diskurs fast zwangsläufig zum Trumpitantrum.

Und egal wie stark die Differenz zwischen subjektiver Wirklichkeit und objektiver Realität auch sein mag, menschliches Handeln hat reale Konsequenzen zur Folge, egal auf welch irrealer Wahrnehmung sie beruht. Wenn genug Leute glauben, Wissenschaft sei sinnlos, werden sie sich in einer Weise verhalten, die die Wissenschaftsleistung auch tatsächlich verschlechtert – etwa indem sie für Einsparungen in diesen Bereichen votieren. Schon jetzt kämpfen einige Fachrichtungen ums blanke Überleben. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass sich viele “Orchideenfächer” zu gesellschaftlichen Verfallsprozessen verhalten wie die Kanarienvogel im Schacht zu gefährlichen Ansammlung von Kohlenmonoxiden! Wenn der Mehrheit Fakten nichts mehr bedeuten, dann verlieren deren Produzenten schnell ihre Existenzberechtigung. Postfaktizismus neigt dazu, angeblich unnütze Professuren und Stipendien zu streichen. Trump, alleswissender Nichtwisser, ist Reverenz: er gilt als der erste wirklich wissenschaftsfeindliche Präsident der USA.

Wissenschaft ist keine Nische weltfremder Klugscheißer und elitärer Besserwisser. Sie ist von zentraler Bedeutung für den Wohlstand der Menschheit. Wissenschaft ist der institutionalisierte Respekt vor der Wahrheit, einer evidenzbasierten Entscheidungsfindung und ihrer Bereitschaft, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren, wenn die Tatsachen sie diktieren.

Wissenschaft, das zeigt die Geschichte, kann nur unter den Bedingungen der Demokratie wirklich gedeihen; umgekehrt unterstützt Wissenschaft die Demokratie qua Expertise. In einer Welt aber, in der Fakten nicht mehr zählen, wird es immer schwieriger, fundierte Entscheidungen zu treffen und friedlich zu regieren; dies ist dann auch eine erhebliche Herausforderung für die Wissenschaft.

Demokratie besteht nicht nur aus Wahlen, sondern auch aus Werten der Aufklärung. Diese Werte auf demokratische Weise zu liquidieren, bedroht ihre Existenzgrundlage. Denn wenn Demokratie keiner faktischen Begründung mehr bedarf, bestenfalls einer philosophisch-literarischen Artikulation, dann ist das quasi so, als würde man die demokratische Ordnung mit Demokratie suspendieren.

Wenn wahr oder falsch irrelevant sind, entsteht ein unfruchtbares Klima, ein Juste Milieu mit Konformitätsdruck und Röhrenblick. Dort schleicht sich Eliteverachtung ein, welche man in Diskussionen als Stöhnen und später als Hohn erfährt. Irgendwann hasst man die Welterklärer einfach, weil die nämlich – bei aller gebotenen Selbstkritik – den Fakten verpflichtet bleiben.

Auf Tatsachen basierte Annahmen, Fakten, sind der unverzichtbare Minimalkonsens, und die Bedingungen ihrer Produktion gilt es zu schützen. Eine Gesellschaft ohne diesen Normkonsens kann nicht zusammengehalten werden. Einer faktenlosen Politik fehlen alle konzeptuellen Mittel, einen Zustand zu erfassen, der eine friedliche Koexistenz garantiert. Das allererste Prinzip muss deshalb lauten, dass Tatsachen existieren und dass sie von Bedeutung sind!

Wissenschaftliche Evidenz schlicht zu ignoriert, ist keine gesunde Position des Zweifelns, sondern Denialismus. Werden wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert, schlägt die Wirklichkeit irgendwann umso heftiger zurück. Je länger man sie ignoriert, desto größer der zu erwartende Schaden.