In dieser intertextuellen Kolumne schreibt Stud-Blog für Lucius Annaeus Seneca. Würde man Seneca, eine der mächtigsten und wohlhabendsten Personen des römischen Reiches, zu aktuellen hochschulbezogenen Problemen befragen, würde er wahrscheinlich so argumentieren:

Viele Studenten beklagen sich über die Studienzeitregelung, dass wir nur eine kurze Zeitspanne studieren, dass diese uns gegebene Regelstudienzeit so rasch, so stürmisch abläuft.

Wir haben keine knappe Regelstudienzeit, wohl aber viel davon vergeudet. Unser Studium ist lang genug und zur Erreichung wissenschaftlicher Ergebnisse reichlich bemessen, wenn es im ganzen gut verwendet würde: Aber sobald es in Sucht nach guten Noten, Titeln, Posten oder Nachlässigkeit zerrinnt, sobald es nicht für die Wissenschaft aufgewendet wird, merken wir erst unter dem letzten Druck der Notwendigkeit, dass es zu Ende ging, während wir gar nicht erkannten, dass es verging.

Wir haben kein kurzes Studium, wir haben es nur dazu gemacht. Denn eine ganze Generation an Studenten füllt ihre Studienzeit nicht mit dem Inhalt, den das Wort Studium verdient, nämlich mit der Bildung des Geistes und mit Forschung, Studium im recht verstandenen Sinne. Wenn du die Studienzeit so zu gebrauchen verstehst, ist sie lang.

Aber den einen hält seine unersättliche Habgier, den anderen in überflüssigen Anstrengungen mühevolle Geschäftigkeit. Der eine ist von den Studentenpartys trunken, der andere dämmert in Untätigkeit im Studentenwohnheim dahin, wieder einen anderen ermüdet sein ewig von fremden Urteilen abhängiger Praktikumsmarathon.

Viele hat das Trachten nach dem in Karriere- und Studiumsratgebern beschrieben Glück festgehalten. Die meisten, die kein festes Studienziel verfolgen, hat die flüchtige, unbeständige und sich selbst missfallende Haltlosigkeit durch wechselnde Studiengänge und zahllos-fruchtlose Vorlesungen getrieben. Manchen gefällt nichts, wohin sie ihr Studium ausrichten sollen, sondern matt und schläfrig überrascht sie das Ende der Studienzeit. Nur einen kleinen Teil des Studiums ist es, in dem wir studieren.

Wie vieler Studenten Auswendiglernerei raubt ihnen die Freude und den Anreiz, ihre wissenschaftliche Begabung zu zeigen. Wie viele sind von dauernden Genüssen totenbleich. Ruf dir ins Gedächtnis zurück, wann du in deinem Entschluss sicher warst, wie wenige Semester, so wie du wolltest vergangen sind, vergangen sind, wenn du Umgang mit dir selbst und deinem Forschungsinteresse hattest.

Wann sich deine forscherische Neugier in ihrem eigenen Zustand befunden hat, wann dein Herz ohne Prüfungsangst war, was für ein wissenschaftliches Werk du in einer so langen Studienzeit vollbracht hast, wie viele Menschen dir dein Studium entrissen haben, ohne dass du merktest, was du verlorst, wie viel unsinniger Schmerz, törichte Freude, gierige Leidenschaft, schmeichlerische Unterhaltung mit den Dozenten und Praktikantenbeauftragten weggenommen haben, wie wenig dir von deinem Studium verblieben ist: dann wirst du erkennen, dass du dich zu früh exmatrikuliert hast.

Was ist also schuld daran? Ihr studiert, als studiertet ihr für ewig, während doch inzwischen vielleicht der letzte Tag der letzte ist, den man einem eigenen Forschungsprojekt widmen kann. Alles fürchtet ihr wie paukende Schüler, alles wünscht ihr euch wie legendäre Wissenschaftsgiganten.

Viele Studenten, die zwar anderen als erfolgreich und deshalb glücklich erscheinen, verabscheuen alle ihre Tätigkeit. Sie wünschen bisweilen, von jenen Höhen herabzusteigen. Wenn du sie also schon oft mit Anzug oder den sich wieder verbreitenden Talar bekleidet auf dem Campus siehst, und wenn ihr Name auf dem Campus gefeiert wird, sei nicht neidisch! Solches verschafft man sich zum Schaden des Studiums. Du wirst bestimmt von ihnen hören, dass die meisten von denen, die ihr großes Glück beschert, unter den Übermaß an studiumsbegleitenden Tätigkeiten oder während zusätzlichen Seminaren, Workshops und Praktika oder den übrigen ehrenvollen Belastungen bisweilen ausrufen: “Mir ist ja gar nicht vergönnt zu forschen!”.

Jener, der sich die Stelle bei einem angesehenen Professor, die er sich erwünscht hatte, erhalten hat, sehnt sich danach, sie niederzulegen. Jener bewirbt sich auf ein Stipendium; dass ihm das Los dafür zufiel, schätze er hoch ein. “Wann”, sagt er, “werde ich mich ihm entziehen können”. Jener absolviert ein Praktikum nach dem anderen. “Wann”, sagt er, “werde ich endlich den Praktikumsnachweis in den Händen halten”. Um jenen reißt man sich im ganzen AStA, StuRa und dem Präsidium als Repräsentant, und bei großen studentischen Vollversammlungen erfüllt er mit seiner Stimme alles weiter, als man ihn hören kann. “Wann endlich”, sagt er, “wird man Streit in der Hochschulpolitik beenden”?

Doch durch ihre Klagen ändern sie weder andere noch sich selbst. Denn als die Worte aus ihnen hervorgebrochen waren, fielen ihre Leidenschaften wieder in die alte Gewohnheit zurück. Besonders aber zähle ich auch jene hierher, die ihre Studienzeit mit nichts anderem als mit Saufen und Partys verbringen. Denn niemand ist unanständiger beschäftigt.

Untersuche die gesamte Studienzeit dieser Menschen! Schau, wie lange sie rechnen, wie lange sie taktisch Lernen, wie lange sie Prüfungsangst haben, wie lange sie Dozenten anschleimen, wie lange sie sich Ehre erweisen lassen, wie viel Zeit sie die Partys und Festivals kosten, die an sich schon Verpflichtungen sind: du wirst sehen, wie sie das nicht zum Forschen kommen lässt.

Ein überlasteter Student kann Wissenschaft nicht mit Erfolg betreiben, da ein vielfach beanspruchter Geist nichts tiefer aufnimmt, sondern alles wieder ausspeit, als sei es nur in ihn hineingestopft – Lern-Bulimie. Nichts vermag der beschäftigte Student weniger als zu studieren und zu forschen; kein Wissen ist schwerer zu erlangen als gerade dieses. Die Top- und Elitestudenten gibt es gemeinhin und in großer Anzahl. Manche von ihren Fähigkeiten und Kenntnissen scheinen sie schon vor dem Studium so weit begriffen zu haben, dass sie sie auch lehren könnten: zu forschen muss man aber das ganze Studium lang und darüber hinaus lernen und, worüber du dich vielleicht noch mehr wunderst, man muss das ganze Studium lang lernen sich zu irren. Denn wissenschaftliches Fragen ist die Essenz der Wissenschaft.

Hohe Jahresgehälter streben viele Studenten gerne an, dafür vermieten sie Ihre Freude an der Forschung und ihre forscherische Neugier; niemand schätzt das Studium. Am Ende des Studiums, wenn sie da einen großen Teil ihres Vermögens verwenden, nur um doch eine akademische Leistung zu erlangen, ist es zu spät. So werden Ghostwriter und Promotionsberater gebeten, sich gefällig zu zeigen; beide sehen den Grund, weshalb rückwirkend um Studienzeit gebeten wird, das Studium selbst aber sieht keiner.

Willst du schließlich noch wissen, wie kurz ihr Studium ist? So sieh nur, wie sehr sie wünschen, lange zu studieren. Karrieristen betteln unter Ghostwritern um die Zugabe weniger Jahre. Sie machen sich selbst vor, studierter zu sein. Mit ihrer Lüge schmeicheln sie sich und betrügen sie sich so gern, als wenn sie damit zugleich auch das Schicksal täuschten. Sie richten ihr Studium auf Kosten ihres Studiums ein. Kann es etwas dümmeres geben als Menschen, die sich mit ihren Titeln und Stellen brüsten? Sie sind zu viel beschäftigt, um einmal wirklich originär studieren oder forschen zu können. Irgendwann aber merken sie, wie vergeblich sie das erworben haben, wie erfolglos alle ihre Geschäftigkeit vertan ist, wie sie doch versäumten, zu studieren.

Ein Student, der über diesen Irrtümern steht, lässt nichts von seiner Studienzeit entgleiten, und deshalb ist sein Studium sehr lang, weil alles für die Bildung seines Geistes und seine Forschungsbemühungen frei blieb, was ihm zur Verfügung stand. Daher bleibt nichts ungenutzt und müßig liegen.

Warum sollte dagegen das Studium derer nicht lang sein, die es fern von allem Karrierismus und Geschäftigkeit führen? Nichts davon wird auf andere übertragen, nichts hierhin und dorthin verstreut, nichts davon dem Schicksal überlassen, nichts verkommt durch Nachlässigkeit, nichts wird durch Verkaufen abgezogen. Mag es deshalb auch noch auf so wenige Semester beschränkt sein, so reicht es im Überfluss.

Aber alles, was kommen wird, liegt im Ungewissen: jetzt sofort sollst du forschen. Man muss gegen die Schnelligkeit des Studiums mit der Eile des Forschens kämpfen. Man sollte Forschung nicht aufschieben, wie es der Gier gerade gut scheint.

Originaltext: Giebel, Marion (Hrsg. u. Übers.): De brevitate vitae / Von der Kürze des Lebens, Stuttgart.