Studenten brauchen Literatur – Literatur braucht Studenten

Sei es in den Entwicklungsromanen des 19. Jahrhunderts oder in autobiografischen Texten, in der Weltliteratur kommen studentischen Charaktere auffallend häufig vor. Der Student per se erscheint für die Literatur interessant, weil er noch auf der Suche nach dem passenden Lebensweg ist, gleichzeitig aber auch die geistige Reife besitzt, dies zu reflektieren. Da er noch nicht in […]

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Sei es in den Entwicklungsromanen des 19. Jahrhunderts oder in autobiografischen Texten, in der Weltliteratur kommen studentischen Charaktere auffallend häufig vor.

Der Student per se erscheint für die Literatur interessant, weil er noch auf der Suche nach dem passenden Lebensweg ist, gleichzeitig aber auch die geistige Reife besitzt, dies zu reflektieren. Da er noch nicht in festen Arbeits- und Familienverhältnissen steht, kann er seine Charakteränderungen durch seine Handlungen auf sein Leben übertragen und es in komplett andere Bahn lenken.

Auf der anderen Seite befindet sich „der“ Student in einer Lebensphase, in der er für gesellschaftliche und persönliche Probleme äußerst empfindsam ist und für sich einen Ausweg sucht. Viele Menschen erleben ihre wichtigsten, das Leben prägende Entscheidungen und existentiellen Lebenskrisen in der Studienzeit.

Die prekäre Lebenssituation eines Studenten bildet außerdem die abwechslungsreiche Folie für zahlreiche Themen und Genres.

All dies könnten Gründe dafür sein, warum so viele Schriftsteller der Studienzeit besonders große Aufmerksamkeit schenken.

Stud-Blog nennt die 5 bekanntesten Studenten der Weltliteratur:

1. Rodion Romanovisch Raskol’nikov
In: Schuld und Sühne – Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Dieser Roman ist einer der wohl bedeutendsten Bücher der Weltliteratur, auch bekannt für seinen 23-jährigen Protagonisten Rodion Romanovisch Raskol’nikov, Jurastudent in Sankt Petersburg, der wegen seiner nihilistischen Übermensch-Überlegenheitsphantasien in gesellschaftlicher Isolation und in Armut lebt.

Unter solchen Umständen entwickelt er die Idee eines „perfekten Mordes“ und verübt ihn an einer alten, vermögenden Pfandleiherin. Er erschlägt sie und ihre geistig zurückgebliebene Schwester mit einem Beil, stiehlt einen Teil ihres Geldes, das er für höhere Zwecke zu verwenden beabsichtigt. Seiner fixen Idee zur Folge wäre er psychisch so stark, dass er auch nach einer solchen Doppeltat kaltblütig seine Gelassenheit bewahren würde; aber nach der Mordtat lässt ihn sein Gewissen keine Ruhe.

Obwohl seine Tat von Seiten der Polizei unentdeckt bleibt, stellt er sich selbst und verbringt acht läuternde Jahre in einem sibirischen Arbeitslager. Dort liest er das Neue Testament, entdeckt die Liebe und erlebt eine seelische „Auferstehung“.

2. Maxim Gorki
In: Meine Universitäten – Maxim Gorki

Maxim Gorki studierte in Kazan‘, wo er schnell Mitglied eines revolutionären Studentenkreises wird und sich in oppositionelles Diskussions- und Schreibzirkeln bewegt. Als armer Student lebt er in einer Herberge für Kriminelle, Prostituierte und Vagabunden. Nebenher arbeitet Maxim in einer Backstube, wo er sich unter einem sadistisch-perversen Bäckermeister zum tätigen Sozialisen wandelt.

Seine Agitprop scheitert jedoch kläglich an der Ungebildetheit, der Naivität und am Misstrauen der einfachen Bauern. Der autobiographische Roman endet mit einer Wanderung durch Russland; wonach nur noch das Grübeln bleibt.

3. Sal Paradies
In: Unterwegs – Jack Kerouac

Der US-amerikanische Schriftsteller Jack Kerouac studierte an der Columbia University, an der er u.a. auch Allan Ginsberg, William S. Burroughs und Neal Cassady kennenlernte. Mit ihnen bildete er den geistigen Ursprung der beat generation.

Nach einem Jahr an der Uni bricht er sein Studium ab, durchreiste auf der Suche nach absoluten Erfahrungen mit seinen Freunden die USA und erlebte viele verwildernde Abenteuer mit Alkohol, Sex und Drogen. Er erzählt im Buch Unterwegs diese extatische Durchreise. Der Ich-Erzähler des Romans, Sal Paradies, ist er selbst. Die pikareske Lebensweise der beat generation, von der das Buch handelt, bedeutete auch für die nachkommenden Generationen Ungebundenheit, Freiheit, Hass gegen die Kleinbürgerlichkeit und Konformismus – Unterwegs war die eskapistische Fibel der beat generation.

4. Esther Greenwood
In: Die Glasglocke – Sylvia Plath

Die Glasglocke ist der einzige Roman der US-amerikanischen Lyrikerin Sylvia Plath. Die Protagonistin, die begabte und ehrgeizige Esther Greenwood, kommt aus einer kleinen Stadt. Durch hervorragende Schulleistungen bekommt sie Stipendien und die Zulassung für das Literaturstudium am renommierten Smith College, an dem sie wiederum für ihre literarischen Schriften viele prestigeträchtige Preise verliehen bekommt.

Mit anderen preisgekrönten Studentinnen verbringt sie einen Monat als Volontärin bei einer New Yorker Modezeitschrift. Unter dem andauernden Leistungsdruck, dem normierten Optimismus, dem Einfluss der strengen sexuellen Erziehung ihrer Zeit und der Gefangenheit in den Geschlechterrollen erlebt sie eine schwere Depression, wegen der sie schließlich nicht mehr arbeiten, lesen und schreiben kann. Nach einem Selbstmordversuch wird sie in eine psychiatrische Klinik überwiesen, in der sie durch Elektrokrampft- und Gesprächstherapie ihre psychische Stabilität wieder erlangt.

Bevor sie aus der Klinik entlassen wird und zum College zurückkehrt, vergleicht sie die Studentinnen im Studentenwohnheim mit den Patienten in der Klinik: „Wodurch unterscheiden wir in Belsize uns eigentlich so sehr von den Mädchen, die in dem College, in das ich zurückkehren würde, Bridge spielten und plauderten und studierten? Auch diese Mädchen saßen jedes für sich unter einer Art Glasglocke. […] Für den, der eingezwängt und wie ein totes Baby in der Glasglocke hockt, ist die Welt selbst der böse Traum.“

5. Osman
In: Das neue Leben – Orhan Pamuk

Der Istanbuler Bauingenieurstudent Osman liest eines Tages ein geheimnisvolles Buch mysteriösen Inhalts, das ihn fasziniert und sein „ganzes Leben veränderte […].“ Gleichzeitig lernt er an der Universität die schöne Canan kennen, die das gleiche Buch gelesen hat. Er verliebt sich und begibt sich auf eine literarische Reise. Um die Spuren des besseren Lebens, das das Buch offenbart, zu entdecken, steigen sie in einen Bus und reisen in den Osten Anatoliens.

Die eleusinische Reise bringt Realitätsverlust und Todesgefahr. Sie endet mit der Entmystifizierung des gemeinsam rezipierten Buches, eines romantischen Traums.

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7 KOMMENTARE

    Kommentar
  1. 1
    Anonymous hat diesen Kommentar 18. August 2010 geschrieben| Permalink

    Bravouröse Zusammenstellung… Ich will einen zweiten Teil. Da muss es doch noch mehr Taxte geben…

  2. Kommentar
  3. 2
    ceynep hat diesen Kommentar 18. August 2010 geschrieben| Permalink

    i love orhan pamuk.

  4. Kommentar
  5. 3
    Hans hat diesen Kommentar 19. August 2010 geschrieben| Permalink

    Eigentlich ist es doch immer nur eine Flucht. Die Flucht vor dem bildungsbürgerlichen “american girlhood” (Die Glasglocke), der bürgerlichen Enge von
    “squareville” und “Main Street” (Unterwegs), dem “Nachtasyl” (Meine Universitäten), dem höheren Menschentum (Schuld und Sühne) sowie der Relität (Das neue Leben). Studenten fliehen immer nur. 🙂

  6. Kommentar
  7. 4
    Sandra hat diesen Kommentar 19. August 2010 geschrieben| Permalink

    „Viele Menschen erleben ihre wichtigsten, das Leben prägende Entscheidungen und existentiellen Lebenskrisen in der Studienzeit.“, dieses Zitat aus dem Beitrag würde ich gerne so übernehmen und bejaen. Die meisten Studenten sind gerade einmal frische Abiturlinge, wenn sie mit dem Studium beginnen. Und besonders die Lebensphase zwischen 18 bis 25 ist nun einmal die entschiedenste. Und hier lernen sie eben einfach das selbstständige Lernen udn studieren. Weg von den fiesen Stundenplänen der Lehrer und vorgaben der Eltern. Nochmal kritisch wird es dann zur Abschlussarbeit,zu der ein Student das zeigen muss, was er gelernt hat. Und in dieser Zeit kann man sich trotzdem oft ganz allein fühlen.
    Das sehe ich nicht als eine Flucht an.

  8. Kommentar
  9. 5
    KOM hat diesen Kommentar 19. August 2010 geschrieben| Permalink

    es sind wohl eher nicht die sachen, die einen „weggedruecken“. es sind die dinge, die einen woanders „anziehen“. sex, drugs and rock n roll bsp.weise (unterwegs) ist viel interessanter als trockenes studium.

  10. Kommentar
  11. 6
    Hans hat diesen Kommentar 20. August 2010 geschrieben| Permalink

    @Sandra
    Ich spreche ja nicht von realen Studenten. Ich spreche eher von den literarischen Figuren…

  12. Kommentar
  13. 7
    Literat hat diesen Kommentar 27. Januar 2011 geschrieben| Permalink

    Wenn ihr was aktuelles haben wollt: „Zehn Jahre bezahlter Urlaub“ von Christopher Diehl, einfach mal nachgoogeln

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